Autoren: © Bernhard Billing, Otto Hauenstein Samen AG, Rafz
Dachflächen bieten ein enormes Potenzial wieder mehr Farbe und Natur in überbaute
Gebiete zu bringen. Fachgerecht ausgeführte Dachbegrünungen verlängern die Lebensdauer
der Abdichtung. Die verbesserte Wasser-Retention von Grün-Dächern ist in Fachkreisen
allgemein anerkannt. Gemeinden und Städte fördern deshalb Dachbegrünungen zunehmend,
indem für begrünte Flächen die Abwasser- oder Anschlussgebühren reduziert
werden.
Zunehmend werden Mykorrhiza-Pilze zur Förderung des Artenreichtums und einer optimalen
Anfangsentwicklung auf dem Dach eingesetzt. Für die nachhaltige Etablierung einer extensiven
Dachvegetation sind einige Grundsätze zu beachten, die nachfolgend erläutert werden.
Unter den extremen Bedingungen auf Dachflächen können langfristig nur langsam wachsende, trockenheitstolerante und mehrjährige Arten überleben. Entsprechend langwierig ist auch deren Jugendentwicklung. Angepasste mehrjährige Arten bilden während der ersten Vegetationsperiode ein ausgeprägtes fein verästeltes Wurzelwerk und meist bodennahe Blattrosetten. Erst nach einer Überwinterung beginnen die Pflanzen zu blühen. Nach zwei Vegetationsperioden sollte die Fläche zu mindestens 75 % mit lebenden Pflanzen bedeckt sein. Ein zu rasches, üppiges Wachstum ist aber nicht erstrebenswert. Stark gedüngte, getriebene Pflanzen bringen zwar schnelle Anfangserfolge, sind aber weniger trockenheitstolerant und sterben bei heißem Sommerwetter rasch ab.

Abb.: Auflaufende extensive Dachbegrünung. Wichtig dabei ist die Geduld! Die einheimischen
Hungerkünstler wachsen langsam, dafür überstehen sie auch extreme Witterungsbedingungen.
(Foto: B. Billing)
Auch mehrere Jahre alte Gründächer weisen öfters nicht ganzjährig eine geschlossene Pflanzendecke auf. Das ist nicht schlimm und hängt mit dem Lebenszyklus der Pflanzen und der Witterung zusammen. Lücken bieten trockenheitstoleranten Wildpflanzen aus der Umgebung die Möglichkeit, sich auf dem Dach zu etablieren. Die Artenvielfalt wird gefördert und es entstehen neue Lebensräume für Pflanzen, die vom Aussterben bedroht sind. Es sind aber nur Arten zu tolerieren, welche die Dachabdichtung nicht beschädigen.

Abb.: Bunte extensive Dachbegrünung. Wichtig sind das Entfernen von wurzelaggressiven
Unkräutern und die jährliche Kontrolle der Abläufe. (Foto: B. Billing)
Der ideale Saatzeitpunkt für Samenmischungen ist von Ende März bis Mitte Juni sowie
Anfang August bis Ende September. Ansaaten außerhalb dieser Periode unterliegen einem höheren
Witterungsrisiko (Kälte, Nässe, Frost, Trockenheit, Hitze).
Flächen von einigen hundert Quadratmetern können gut von Hand gesät werden. Es ist
ratsam, auch für Handsaaten Haftkleber einzusetzen. Durch den Fixierstoff wird das Saatgut
nicht verweht. Windverfrachtungen nach der Saat sind relativ häufig. Sie hinterlassen ungleiche
Begrünungsdichten, die meist am Rande dichte und in der Mitte der Fläche wenig auflaufende
Pflanzen aufweisen.
Heute stehen im Handel fertig gemischte Produkte zur Verfügung.
Sedum-Sprossen (Mauerpfeffer-Arten) sind lebende Pflanzenteile und müssen entsprechend behandelt
werden. Bei Erhalt sollten sie möglichst rasch gesät werden. Eine Zwischenlagerung während
ein paar Tagen an einem kühlen und trockenen Ort ist möglich.
Je nach Witterung sind Sprossen in der Regel ab Mitte April bis Ende Juni sowie von Anfang August
bis Mitte September verfügbar. Im Sommer während der Blüte wurzeln sie weniger intensiv
und die Gefahr, dass sie vertrocknen, ist relativ groß. Im Herbst muss noch genügend
Wärme vorhanden sein, damit sie anwurzeln. Sonst vertrocknen sie während dem Winter (gefriergetrocknet).
Wichtiger Hinweis: Nur Sprossen von einheimischen Wildformen verwenden, die unter kargen
Bedingungen langsam angezogen wurden. Diese sind den extremen Witterungsverhältnissen auf dem
Dach besonders gut angepasst und bieten die Gewähr für eine sichere Entwicklung.
Sedum-Sprossen eignen sich vor allem für Großflächen. Um eine breitere Artenvielfalt
zu erreichen, ist aber eine Kombination von Sedum-Sprossen mit einer Samenmischung aus trockenheitstoleranten
Kräutern empfehlenswert. Eine größere Artenvielfalt hat den Vorteil, dass die Dachbegrünung
auch extremen Witterungsbedingungen wie große Hitze, Kälte und Trockenheit trotzt.
Tipps und häufigste Fehler bei der Extensiv-Begrünung

P=Planungsfehler, E=Erstellungsfehler
Erstellungsfehler lassen sich mit relativ geringem Aufwand beheben. Planungsfehler sind weit aufwendiger und entsprechend teurer zu korrigieren
Die Erstellungspflege ist mindestens so wichtig wie die Saat, sie erstreckt sich über die
erste Vegetationsperiode. Leider wird sie oft vernachlässigt und die Folge ist ein schlechter
Begrünungserfolg. Dies kann vermieden werden, denn der Aufwand ist gering.
Wichtige Arbeiten sind das Wässern während der ersten sechs bis zwölf Wochen nach
der Saat bei starker Trockenheit. Der Ausgleich bei starken Windverfrachtungen und die Nachsaat
bei größeren Kahlstellen sowie das Entfernen von wurzelaggressiven Unkräutern (Disteln,
Baumsämlinge) sichern die Etablierung.

Abb.: Mykorrhiza-Pilze fördern das Wurzelwachstum und sorgen so für kräftigere,
blühfreudige Kräuterdächer. (Foto: B. Billing)
Natürliche Mykorrhiza-Pilze bilden mit den Pflanzenwurzeln eine Lebensgemeinschaft (Symbiose). Die Wurzeln versorgen die Pilze mit Kohlenhydraten, während die Pilze mit ihrem fein verästelten Myzelgewebe den Wurzeln eine bedarfsgerechte Nährstoff- und Wasserversorgung gewährleisten. Die Dachsubstrate sind oft rein mineralisch und enthalten deswegen wenig bis keine Bodenpilze und Mikroorganismen. Umso wichtiger ist die Beigabe von natürlichen Mykorrhiza-Pilzen zum Saatgut. So wird dem sterilen Dachsubstrat Bodenleben „eingehaucht“. Dies erleichtert die Anfangsentwicklung einer Neuansaat entscheidend und fördert so die Widerstandskraft und damit die Artenvielfalt für langlebige, blühende Dachbegrünung.

Abb.: Mykorrhiza-Pilze vergrössern die Oberfläche der feinen Pflanzenwurzeln. Dadurch
entsteht für die Pflanzen weniger Stress. Die Artenvielfalt und die Hitzetoleranz
der Dachbegrünung steigt.
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