Autor: Dipl. Agr. Biologe Martin Bocksch, Eltville (www.rasenzeit.de)
Am 7. und 8. September 2006 trafen sich über 70 Rasenexperten aus zahlreichen europäischen Ländern in Einsiedeln im Kanton Schwyz zum 102. Seminar der Deutschen Rasengesellschaft. Geleitet wurde die perfekt organisierte Exkursion und Referate-Tagung vom Schweizer Vorstandsmitglied der DRG, Herrn Otto Weilenmann aus Rafz. Das Leitthema: „Wachstum und Verwendung von Gräsern und Wildblumen für bessere Grünflächen“ führte zielgerichtet durch die zweitägige Veranstaltung.
Erstes Ziel der Exkursion war der neue Komplex der Skisprungschanzen „Einsiedlerschanzen“. Zu sehen gab es ein harmonisches Nebeneinander von Kunstfasern und Naturgras. Beide brauchen sich an dieser Stelle. Die derben und fast 50 cm langen Plastikfasern des Aufsprunghügels erlauben die Mitnahme der Fluggeschwindigkeit und verhindern so Stürze der Sommerskispringer. Die Geschwindigkeit wird nur langsam abgebremst. Im Auslauf stoppt der stumpfere Naturrasen, der im Herbst als reiner Wiesenrispenrollrasen verlegt wurde.

Abb. 1: Besichtigung der Auslaufzone an der Sprungschanze Einsiedeln. (Foto: KG. Müller-Beck)
Weiter ging die Fahrt der beiden Busse zum Golfclub Grossarni, in Küssnacht am Rigi. Hier hat der ehemalige Landwirt und „Selfmademan“ Josef Schuler in Eigenregie, mit der fachlichen Beratung von Rasengesellschaftsmitglied Dr. Clemens Mehnert, nach intensiver Planung und Vorarbeit, 1994/95 seine Idee einer Golfanlage auf 63 ha verwirklicht, mit Erfolg! Heute hat die als AG geführte Golfanlage 650 Mitglieder. Im siebenköpfigen Pflegeteam gibt es nicht weniger als 5 DEULA geprüfte Greenkeeper. Selbstverständlich ist Geschäftsführer Josef Schuler einer von ihnen.

Abb. 2: Blick über den Abschlag am Golfplatz Küssnacht (Foto: KG. Müller-Beck)
Er schilderte auch eines der größten Probleme bei der Realisierung des Platzes der zwischen
487 und 556 m ü.M. liegt, nämlich die Wahl des richtigen Tragschichtgemisches für
Abschläge und Grüns. Intensive Starkregen am Standort und die anstehende tonige Braunerde
vertragen sich für die Ansprüche einer Golfanlage nicht ganz so gut. Schließlich
hat man sich nach umfangreichen Tests für ein Gemisch aus 80 % Sand und 20 % Oberboden entschieden.
Insgesamt wurden 1.200 Kubikmeter Sand verbaut.
Kurt Reber, Head-Greenkeeper, und sein Team schwören bei der Rasenpflege auf den „Fischer-Igel“.
Alle Spielbahnen werden monatlich damit behandelt. Nach seinem Gefühl trägt das, neben
dem jährlichen Aerifizieren und Besanden mit 2-3 Litern/m² „Flüeller Sand“,
zur Regenwurmreduzierung bei.

Abb. 3: Blick über Semi-Rough und Fairway auf das Grün 18 am Golfplatz Küssnacht.
(Foto: KG. Müller-Beck)
Nächste Station der perfekt getimten Exkursion war Zug. Genauer die Leichtathletikanlage
im „HERTI Sportpark“. Auf einem reinen Lehmunterbau waren 40 cm lehmiger Oberboden
und darauf noch einmal 10 cm reiner „Flüeller Sand“ aufgebracht worden. Ende
August 2003 wurde die Fläche mit 35 g / m2 einer Mischung aus 75 % Rohrschwingel, 10 % Ausdauerndes
Weidelgras und 15 % Wiesenrispe angesät.
Bei der Stechspatenprobe erwies sich die Anlage als gut durchwurzelt (20 cm) und die Narbe (> 50
% Anteil Festuca arundinacea) in einem guten Zustand. Wie Herr Josef Strickler, Verantwortlicher
der Stadt Zug, mitteilte, verursacht selbst Hammerwurf keine all zu großen Schäden. Dank
einer guten Drainage kann die Anlage jederzeit genutzt werden. Die Teilnehmer konnten sich davon überzeugen,
dass die Narbe auch heute noch rund 50 % Rohrschwingel enthält. Dazu, so das einhellige Urteil,
trägt neben der speziellen und ausschließlichen Leichtathletiknutzung auch die relativ
extensive Pflege (angemessene Nährstoffe; zielgerichtete Wasserversorgung; 4 cm Schnitthöhe)
bei. Gegen eine beginnende Filzbildung wird die Fläche nun intensiv aerifiziert und besandet.

Zuger-Nachrichten (als
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Als kleines Highlight besuchten die Exkursionsteilnehmer anschließend den benachbarten „Stierenmarkt“ von
Zug, hier ging es grundsätzlich um die Anlage und Erhaltung einer Schotterasenfläche.
Nach größeren Problemen entschied man sich im Jahr 2000 unter der fachlichen Beratung
von C. Mehnert zum Umbau.
Der Platz wird heute für vielfältige Zwecke genutzt, z.B. Fahnen schwingen, Zirkus- und
Musikfeste sowie Sport- und Springreitveranstaltungen, bis hin zu den traditionellen Tiermärkten.
Die Seminarteilnehmer hatten Glück, denn der „Stierenmarkt“ war in vollem Gange
und so stand beim Rundgang eher die Begutachtung der Tiere als eine Bonitur des Rasens im Vordergrund.

Abb. 4: Präsentation von Braunvieh auf der Schotterrasenfläche am „Stierenmarkt“ in
Zug
(Foto: KG. Müller-Beck)
Zug ist das Zentrum der schweizerischen Braunviehzüchtung, einer kleinen, hochgebirgsgängigen
Rinderrasse. Einkreuzungen mit „Brown Swiss“ aus den USA führten zu einer Teilung
der Rasse in Fleisch- und Milch-Züchtungen. Ihre Hauptverbreitung hat die Rasse auch heute
noch in der Zentralschweiz um Zug.
Es sind beeindruckende, in sich ruhende und irgendwie gemütliche Tiere.
Letzte Station eines interessanten Tages war schließlich die Hochschule Wädenswil am
Zürichsee. Jean Bernard Bechtinger vom Department „Umwelt und natürliche Ressourcen“ begrüßte
die Rasenfachleute und gab einen Überblick über die Hochschule und die Arbeit seines Departments.
An der Hochschule studieren 800 Studenten und werden von 300 Mitarbeitern betreut. Ab 2008 werden
die Studierenden neben dem Bachelor auch Master- Abschlüsse machen können. In seinem Bereich
betreut J.B. Bechtinger mit 85 Mitarbeitern 280 Studenten. Die Arbeit im Bereich „Umwelt und
natürliche Ressourcen“ konzentriert sich in erster Linie auf vier Gebiete: Umweltbildung;
Naturmanagement; Hortikultur und Flächenverwendung/Urbanes Grün.
Bei einem Rundgang durch den Versuchsgarten erläuterten er und seine Mitarbeiter beispielhaft einige ihrer Arbeiten. So stellten sie ein Projekt zur extensiven Staudenführung auf urbanen Grünflächen vor. Ziel ist es, die Städte wieder bunter, lebendiger und artenreicher zu machen, mit Erfolg.
Zum Abschluss waren wir zu einem Glas eines hochschuleigenen Müller-Thurgau von der Halbinsel Au eingeladen. Der frische und fruchtige Wein spiegelte so recht das wieder, was J.B. Bechtinger und seine Mitarbeiter verkörperten. Es muss wirklich eine Freude sein hier zu studieren.

Abb. 5: J.B. Bechtinger (Mitte) von der Hochschule Wädenswil im Gespräch mit Dr. W. Büring
(re.) und O. Weilenmann (li.) (Foto: KG. Müller-Beck)
Bei einer kurzen Erwiderung zum Dank durch den Präsidenten der Deutschen Rasengesellschaft, Herrn Dr. Klaus Müller-Beck, fasste der den Tag, beim Blick in sein Weinglas, treffend mit folgenden Worten zusammen: Erst wenn Wärme, Wasser, Luft, Nährstoffe und Licht, also alle Wachstumsfaktoren zusammen wirken, werden neue Werte geschaffen.
Der Besuch der Deutschen Rasengesellschaft in Einsiedeln war nicht unbemerkt geblieben. So berichtete bereits am nächsten Morgen der „Einsiedelner Anzeiger“ ausführlich vom Treffen der Rasenfachleute.

Zeitungsbericht (als PDF-Datei 150 KB
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Mit einer kurzen Begrüßung und Einführung leitete der Vorsitzende, Dr. Müller-Beck, den Referateteil des 102. Rasenseminars am zweiten Tag ein.
Im ersten Referat des Tages gab Herr Antoine Berger, Landschaftsarchitekt und Präsident des Verbandes der Schweizer Gärtnermeister (VSG) sowie amtierender Präsident der European Landscape Contractors Association (ELCA), einen Über- und Einblick in die aktuelle Situation des Garten- und Landschaftsbaus in der Schweiz und Europa. Dabei stellte er die Arbeit der ELCA als Lobbyinstrument in Brüssel vor. Er beobachtet ähnliche Trends im Garten- und Landschaftsbau in Europa. Schwimmteiche und Rollenrasen sind überall zwei stark steigende Betätigungsfelder. Perspektiven für seine Klientel sah er für die Zukunft u.a. in der zunehmenden Feinstaubdiskussion. Zweifelsohne kommt nämlich bei der Fixierung dieser Stäube, Gräsern, insbesondere höheren Gräsern, eine Schlüsselrolle zu.
Die unterschiedlichen Klimazonen der Schweiz und die sich daraus ergebenden Anforderungen an Strapazierrasenflächen
stellte Herr Hans Graber, Landschaftsarchitekt im Büro Hunziker, Basel, vor.
Für den Bau von Sportanlagen sind das Herausforderungen die bewältigt werden müssen.
Zudem sind die Anlagen in der Schweiz außergewöhnlichen Belastungen durch eine intensive
Nutzung in der kurzen Vegetationszeit ausgesetzt.
Ein neues, junges Gesicht in der Rasenforschung, Dr. Daniel Suter von der neu gegründeten Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz (ART), bei Zürich, stellte anschließend „Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Wachstum von Gräsern in Rasen und landwirtschaftlichen Wiesen“ vor.

Abb. 6: Dr. D. Suter von der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz bei seinem DRG-Vortrag „Wachstum
von Gräsern“
Mit seinem frischen Stil und durchaus überraschenden Erkenntnissen zog er die Seminarteilnehmer
fest in den Bann. Man darf auf die Veröffentlichung in der Zeitschrift „Rasen –Turf –Gazon“ gespannt
sein.
Oder wussten Sie, dass bei einer Graspflanze immer nur ein Blatt wächst?
Dass in der Sonne gewachsene Blätter schon von ihrer Kapazität her zu einer höheren
Photosyntheseleistung fähig sein werden als im Schatten gewachsene? Oder wodurch die Lebensdauer
von Grasblättern gesteuert wird und diese schließlich, wenn sie es denn erleben, von
der Spitze aus sterben?
Das Fazit Dr. Suters: „Gräser sind faszinierende Pflanzen, überraschend vielgestaltig
und flexibel und machen einfach Spaß!“ Dieser Einschätzung konnten sich alle Teilnehmer
anschließen.
Dr. Reinhardt Hähndel, vom BASF-Agrarzentrum Limburgerhof und Vorstandsmitglied der Deutschen Rasengesellschaft, berichtete von ersten Erfahrungen zur Bewertung der Stickstoffansprüche von Rohrschwingelrasen in Bezug auf Menge und Applikationszeitpunkt. Das Resümee aus drei Versuchen am Agrarzentrum Limburgerhof: – Rotschwingel ist ein „anderes“ Gras! So liegt der optimale Düngezeitpunkt für den Rohrschwingelrasen eher mit dem Schwerpunkt in der zweiten Jahreshälfte bis zum Spätherbst.
Zum Abschluss gelang es Herrn Prof. Dr. Bertil Krüsi, Dozent der Hochschule Wädenswil, mit seinen Betrachtungen zu den Rasen- und Wiesenvegetationen im ersten und einzigen Nationalpark der Schweiz noch einmal die Aufmerksamkeit aller Zuhörer zu gewinnen. Seine faszinierenden Erfahrungen, Ableitungen und Hypothesen waren für manchen neu und überraschend.
Der 1914 gegründete Nationalpark in einem inneralpinen Trockental im Engadin, unterlag von
Anfang an dem Motto „Die Natur sich selbst zu überlassen“. 19 % oder 35 km2 der
Gesamtfläche von 170 km2 machen alpine Rasen aus. Da der Park von Anfang an, dank individuellen
Förderern, fachlich begleitet wurde, liegen nun schon über einen langen Zeitraum wissenschaftliche
Zahlen und Erkenntnisse vor.
Drei Ereignisse prägen dabei die Entwicklung des Parks: der Rückzug des Menschen aus diesem
Gebiet; die Rückkehr der Rothirsche in den 20er Jahren; und die Zunahme der mittleren Jahrestemperatur
um 1,2° C in 100 Jahren.
Knapp und prägnant fasste Prof. Krüsi seine Ausführungen in den folgenden
„Take Home Messages“ zusammen:
Rund 15 Teilnehmer nutzen nach Abschluss des offiziellen DRG-Seminars die Option zu einer Botanischen Wanderung. Ein Besuch am Geburtsort von Bombastus Theophrastus, genannt „Paracelsus“ und ein Abstecher in ein typisches Wirtshaus, rundeten den kleinen Ausflug ab.
Eine sehr gelungene DRG-Veranstaltung ging nach zwei Tagen in der Schweiz zu Ende.
Fazit: Das nächste Seminar bei den Eidgenossen sollte nicht wieder 18 Jahre auf sich warten
lassen!
Schon jetzt lädt die Deutschen Rasengesellschaft zum 103. Seminar am 7./8. Mai 2007 nach Schwerin und an den Fleesensee in der Mecklenburgischen Seenplatte ein. Schwerpunkt der Veranstaltung werden der Einsatz von Sand und Rotschwingel auf Golf- und anderen Rasenflächen sein.
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